Arten  von  Lautbildschriften
Inhalt: Drei Haupttypen: Silben-Lautbildschrift Buchstaben-Lautbildschrift Positions-Lautbildschrift Gemischte Schrift Vergleichende Bewertung Andere Einteilung: nach Schriftelementen

Drei Haupttypen:

Man kann Schriften - also auch Lautbildschriften - nach dem Zahlenverhältnis "Anzahl Schriftzeichen : Anzahl Laute" in 3 große Gruppen einteilen:


            1) Es gibt viel mehr Zeichen als Laute:Silbenschrift(Verhältnis n:1)
2) Es gibt soviele Zeichen wie Laute:Buchstabenschrift     (Verhältnis 1:1)
3) Es gibt viel weniger Zeichen als Laute:     Positionsschrift(Verhältnis 1:n)


Das Zahlenverhältnis "Zeichen : Laute" ist also ein deutlicher Hinweis auf die Funktionsweise einer Schrift. Es ist auch ein Hinweis auf die phonetische Kompliziertheit einer Sprache: Silbenschriften sind nur praktikabel bei relativ geringer Silbenzahl, d.h. wohl bei einfacher Silbenstruktur, z.B. "Konsonant + Vokal". Auch Positionsschriften sind nur bei bestimmten Silbenstrukturen empfehlenswert (siehe unten). Ein ganzzahliges Verhältnis n:1 oder 1:n deutet auf eine regelmäßige Silbenstruktur hin.

Daneben ist auch die absolute Anzahl der Laute interessant. Sie ist ebenfalls ein Indiz für die phonetische Kompliziertheit einer Sprache.

Die Lateinschrift ist prinzipiell eine Buchstabenschrift. Doch hat sie auch Zeichen für Lautgruppen, z.B. z = ts (in deutscher Aussprache). Und umgekehrt benötigt sie für manche Laute (sch, ch, ng) mehr als einen Buchstaben. Der Lautwert des s z.B. hängt also von seiner Position ab, in der Buchstabengruppe sch ist er anders als sonst.





Silben-Lautbildschrift

Ein Beispiel:   Wir legen folgendes phonetische System zugrunde:


           4  Vokale:                   i  e  a  o
           4  summende Konsonanten:     n  m  l  v
           4  nicht summende Kons.:     s  f  t  p

Alle Silben haben die Form "Konsonant + Vokal", z.B. "si", "ti", "ta". Es gibt also nur 8*4 = 32 Silben. Wortbeispiele: ti, sino, pivili, sifetapo. Alle Silben sind - in beliebiger Kombination - leicht nacheinander sprechbar. Jeder Silbe wird nun ein Zeichen zugewiesen, aus denen Bildworte zusammengesetzt werden, mit Schreibrichtung von unten nach oben.   Beispiel:



             
    soposa   "Gesicht";     zerlegt:        


Weitere Silbenschriften finden Sie in der Link-Liste am Ende des Hauptartikels "Lautbildschrift"

Es gibt zahllose Möglichkeiten, eine Silbenschrift zu gestalten. Wichtig ist, daß die Zeichen systematisch konstruiert sind, damit sie leicht erlernbar sind ( z.B. linke Zeichenhälfte = Konsonant, rechte Hälfte = Vokal ). Denn auch bei einfachem Lautsystem (z.B. 10 Konsonanten, 5 Vokale, 5 Diphtonge) können Silbenschriften leicht 100 und mehr Zeichen enthalten).





Buchstaben-Lautbildschrift

Beispiel:   die im Hauptartikel gezeigte Einfach-Lautbildschrift mit nur 12 Buchstaben:







Wortbeispiel:

                   
    ela   "Gesicht";     zerlegt:         


Wie im Hauptartikel beschrieben, sind bei Buchstabenschrift 2 nicht geschriebene Füll-Laute (1 Vokal und 1 Konsonant, z.B. i, j ) nötig, um unsprechbare Buchstabengruppen leicht sprechbar zu machen. Leistungssteigerung ist möglich durch Schachtelung von Zeichen

Weitere Buchstabenschriften finden Sie in der Link-Liste am Ende des Hauptartikels "Lautbildschrift"






Positions-Lautbildschrift

Eine Positionsschrift hat viel weniger Zeichen als Laute. Ist mit so wenigen Zeichen noch eine Lautbildschrift machbar ?   Ja, auf 2 Arten:

1) Bei der Punkteschrift mit 7 Zeichen wird ein Zeichen je nach Position als Konsonant oder Vokal gelesen

2) Das gilt auch für die Stabschrift mit nur 4 Zeichen (Stäbchen). Bei ihr werden Bildworte aber nicht linear, sondern 2-dimensional aus Zeichen zusammengesetzt.
Beispiel: Dieses Bildwort ist matrixförmig aus 2 * 4 , also 8 Zeichen zusammengesetzt (in einem unsichtbaren quadratischen Raster):


          
      maletupo              zerlegt:
    "Windmühle"        

        7  8
        5  6
        3  4
        1  2

Gelesen  werden die  Zeichen  in der links gezeigten
Reihenfolge.   D.h.  man  liest  jede Zeile   von  links
nach rechts, und  zeilenweise  von unten nach oben.
In  jeder  Zeile  stehen  2  Zeichen


Dasselbe Zeichen wird je nach Position in der Zeile verschieden gelesen: Steht es links (am Zeilenanfang), wird es als Konsonant gelesen. Steht es rechts (am Zeilenende), wird es als Vokal gelesen. Damit ist die Sprechbarkeit des Bildes gesichert.   Hier die ganze Zeichentabelle:


                           Z e i c h e n       L a u t w e r t
                                               Konsonant Vokal

                                 \                 p       u
                                 /                 t       o
                                 |                 l       e
                                 -                 m       a

Lautauswahl und Lautzuordnung dieser Tabelle sind nicht optimal, sondern auf Erweiterbarkeit ausgelegt (siehe die erweiterten Versionen im Artikel Einige Stabschriften). Diese Einfachst-Stabschrift nutzt - mit nur 8 Lauten - das menschliche Sprechpotential nicht aus, und sie liefert keine guten Bilder. Enorme Leistungssteigerung ist möglich durch:

                - Erweiterung  des  Zeichensatzes  um    .   [Punkt]   oder    o   [Kringel]
                - Lücken  (Leerzeichen)   in  einer  Zeile  möglich    (wichtig !)
                - Mehr als   2  Zeichen     in  einer  Zeile  möglich    (wichtig !)

Welch schöne Ideogramme man mit nur 4 Zeichen bilden kann, wenn mehr als 2 Zeichen pro Zeile und Lücken möglich sind, zeigen folgende Beispiele (zum besseren Verständnis ist auch das Grundraster dargestellt):





Generell ist aber eine Stabschrift viel unpraktikabler als eine Buchstaben- oder Silbenschrift, wegen der durchschnittlich größeren Wortlänge und dem komplizierteren Verfahren. Doch hat sie auch Vorteile, z.B. die unbegrenzte Ideogrammgröße (Breite und Höhe), falls mehr als 2 Zeichen pro Zeile erlaubt sind.





Gemischte Schrift

Es sind auch Mischformen zwischen den 3 Haupttypen von Lautbildschriften möglich. Obige Stabschrift z.B. könnte man als eine Art Silbenschrift auffassen, bei der jedes Silbenzeichen zusammengesetzt ist aus einem Konsonanten- und einem Vokalzeichen. Erlaubt man jedoch in obiger Stabschrift beliebige viele Zeichen pro Zeile, erscheint die Interpretation als Silbenschrift nicht sinnvoll.   Einige Mischformen:



Diphtongschrift: Bei der Beispiel-Lautbildschrift mit 12 Zeichen haben wir nur 3 Vokalzeichen (waagrechte Striche): e, a, o   (i ist akustischer Füllvokal)
Aber man kann die Vokal-Zeichenzahl leicht verdoppeln, indem man auch Diphtongen wie ei, ai, oi, ui, au Zeichen zuweist. Als Füllkonsonant zwischen Vokalen kann man jetzt nicht mehr j verwenden: denn a-j-a wäre von ai-j-a akustisch nicht zu unterscheiden. Stattdessen verwendet man h oder ng (wie in 'singen'). Die Vokalzeichenfolge a-a wird also jetzt als aha gesprochen, aber die Vokalzeichenfolge ai-a als aia: hier braucht man keinen Füllaut zu sprechen. (Auch zweisilbige Diphtonge / Triphtonge wie ie, ia, io, iai, ioi, iau etc. könnte man verwenden).

Auch Konsonantenkombinationen wie ts, ks, ps, st, pl, pr, kv kann man neue Zeichen zuweisen. (Bei nt, nk, mp, lp etc. wird's problematisch, da diese am Wortanfang nicht sprechbar sind: hier müßte man den Füllvokal i vorsetzen). Die Zeichenfolge ts-pr (2 Zeichen) lautet nun tsipri, während die Zeichenfolge t-s-p-r (4 Zeichen) tisipiri lautet.

Bewertung: Mehr Zeichen ermöglichen bessere Ideogramme, schöne Diphtonge machen die Sprache klangschöner. Aber viele konsonantische Diphtonge machen Wörter schwerfälliger und weniger musikalisch. Die Verwendung von ei, ai, oi, ui ist besser als die Verwendung von international unüblichen Vokalen wie ü, ö oder dem dumpfen u. (Das ü könnte man wegen der Klangschönheit verwenden). Eine Diphtongschrift ist empfehlenswert, wenn eine Buchstabenschrift zu wenige Zeichen hätte, eine Silbenschrift zu viele.



Paar-Silbenschrift: Ein Beispiel mit folgender phonetischer Basis:
9 Konsonanten:   t,k,p,   l,n,m,   s,∫,f     5 Vokale:   i,u , e,a,o

Man bildet nun mit den 9 Konsonanten und 2 Vokalen i,u 18 Silben: ti,ki,pi .... tu,ku,pu ... Diese 18 Silben werden mit 18 eigenen Zeichen geschrieben. Außerdem gibt es 3 Zeichen für e,a,o. Ein Wort, bestehend aus den Silbenzeichen si-pi-tu, wird als sipitu gesprochen, ein Wort, bestehend aus den Zeichen ti-a-ti als tiati. Aber die Zeichenfolge tu-a wird als ta gesprochen, d.h. ein u vor Vokalzeichen fällt aus. Man verkürzt so das Wort akustisch und vermeidet die unschönen Diphtonge ue, ua, uo.
Weitere Beispiele: Die Zeichenfolge tu-a-tu lautet tatu, ti-a-tu lautet tiatu, tu-a-pu-a lautet tapa, su-o-pi lautet sopi, su-e-fi lautet sefi

Auf den Füll-Konsonanten j zwischen 2 geschriebenen Vokalzeichen kann man nicht verzichten: Das Wort a-a lautet aja, ti-ti-a-a lautet titiaja, tu-a-a lautet taja.

Wir nennen dieses System Paar-Silbenschrift, weil es zu jedem Konsonanten 2 Silbenzeichen gibt, die mit dem Konsonanten beginnen. Diese Eigenschaft nutzt man für eine leicht merkbare Zuordnung Laute-Zeichen:




Sich nach oben verengenden Zeichen werden die Silben ti,ki,pi zugewiesen, den nach unten umgeklappten Zeichen die Silben tu,ku,pu. Auch werden senkrechten, mittelsymmetrischen Strichen oder Strichkombinationen die Silben lu,nu,mu zugewiesen, den entsprechenden linksbündig sitzenden Zeichen die Silben li,ni,mi. Ein Silbenzeichen auf -u ist also immer aus einem Silbenzeichen auf -i durch Verdrehen oder Verschieben hervorgegangen. (Ausnahme: Zeichen mu/mi). Mit si,ši,fi, su,šu,fu kann man 6 weitere Zeichen benennen.

Eine andere gute Möglichkeit: Die 9 Konsonantenzeichen der Einfachst-Silbenschrift, die bisher s,f... hießen, heißen jetzt si,fi,.. Folgt auf sie ein Vokalzeichen, wird das i nicht gesprochen (wie bei der Buchstabenschrift). Deshalb ist kein Wort länger als bei reiner Buchstabenschrift. sy,fy... wären dann die Zeichen si,fi... entweder verdoppelt oder mit senkrechtem Strich links und rechts oder mit senkrechtem Mittelstrich (breite Zeichen). sy,fy... gefolgt von Voaklzeichen, z.B. a, werden als sya,tya... gesprochen, was sehr musikalisch klingt.   Mit diesem System kann man die reine Buchstabenschrift erweitern ohne sie zu ändern (wenn sie kein Zeichen für den Vokal y hat).

Bewertung: Für Lautbildschriften, die knapp doppelt so viele Zeichen wie Laute haben sollen, und keine Konsonantenkombinationen, bietet sich obiges System an.



Gemischte Buchstaben-Silbenschrift: Man benennt häufig benutzte Zeichen mit einzelnen Lauten, selten benutzte Zeichen mit Silben. Und zwar solchen Silben, bei denen entweder dem Konsonant oder dem Vokal / Diphtong kein Zeichen zugeordnet wurde.
Beispiel: Man verwendet für seltene Zeichen die gesprochenen Silben ri, re, ra, ro, das r hat kein Buchstabenzeichen (sonst könnte man z.B. die Silbe ro auch mit den Buchstaben r-o schreiben, d.h. die Schreibung wäre nicht eindeutig). Oder man verwendet die Silben sü, fü, tü, kü ... , das ü hat kein Buchstabenzeichen. Ein Leerkonsonant (j) und ein Leervokal (i) sind wie bei einer Buchstaben-Lautbildschrift nötig, um Vokal- und Konsonantenhäufungen sprechbar zu machen.






Vergleichende Bewertung:

Lernaufwand

- Eine hohe Zeichenzahl wie bei einer Silbenschrift erhöht den Lernaufwand

- Bei der Buchstabenschrift ist dieser Lernaufwand geringer - aber dafür muß die Regel erlernt werden, wie man beim Lesen ggf. die Füll-Laute i/j einfügt, damit manche Buchstabenfolgen besser sprechbar sind

- Bei Positionsschriften setzt sich dieser Trend fort: der Lernaufwand für Zeichen ist noch geringer, für Regeln noch höher

Betrachtet man die Zeichen als die Hardware einer Schrift, die Regeln als Software, so gilt: Je mehr Aufwand man beim einen treibt, desto weniger ist beim anderen nötig, und umgekehrt.




Einstiegsschwelle

Nur bei einer Silbenschrift ist die Einstiegsschwelle beliebig niedrig: Man kann einem Schüler 2 oder 3 Plättchen mit Silbenzeichen geben und ihn die Aussprache lehren. Dann kann er diese Plättchen beliebig kombinieren und versuchen Bildwörter zu erfinden oder nachzulegen. Dabei kann er ein gelegtes Bildwort immer richtig ausprechen als Folge der Einzelsilben. Bei anderen Lautbildschrift-Arten wird ein Bildwort nicht immer exakt als Folge der Zeichen gesprochen, wegen den Füll-Lauten bei Buchstabenschrift und dem Lautwechsel von Zeichen bei Positionsschrift.

Eine geringe Einstiegsschwelle und ein geringer Lernaufwand sind von großer sozialer Bedeutung, da möglichst alle Bevölkerungsgruppen die Schrift beherrschen sollten - auch in Entwicklungsländern und in Notzeiten, wenn Bildung verkümmert. Auch aus diesem Grunde sollte eine Schrift möglichst interessant und unterhaltsam sein - eine Lautbildschrift ist hier konkurrenzlos.




Gleichtakt Sprache-Schrift

Wenn man eine Buchstabenschrift verwendet, kann man jeden Laut eines Diktats sofort nach dem Hören niederschreiben. (Bei einer Silbenschrift müssen Mensch oder Maschine warten, bis die Silbe komplett ist). Bei einer Buchstabenschrift sind also Sprache und Schrift in kleineren Schritten synchronisiert als bei einer Silbenschrift.

Ein anderer Gesichtspunkt könnte aber wichtiger sein:

Nur bei einer Silbenschrift sind Sprache und Schrift gleichmäßig synchron: So wie man Zeichen problemlos aneinanderfügen kann, kann man Silben problemlos nacheinander sprechen ( bei geeigneter Silbenstruktur, z.B. "Konsonant + Vokal" ): Die Silbenzeichen "ti", "ta", "ti" ergeben problemlos das Wort "titati". Bei einer Buchstaben-Lautbildschrift (mit i als Füll-Laut) dagegen würde die Zeichenfolge "ttat" auch als "titati" gesprochen werden. Man erkennt die Diskrepanz zwischen Schrift und Sprache. Auch die einzelne Silbe "ta" z.B. setzt sich nicht nahtlos aus den Lauten t und a zusammen: spräche man die unverschliffen, käme nur ein abgehacktes "t-a" heraus.




Visualisierung und Geschwindigkeit

Hört man einen langsam gesprochenen Text einer Lautbildschrift, so kann man ihn mit etwas Übung visualisieren (sich geschrieben vorstellen). Das ist am leichtesten bei einer Silbenschrift möglich. Der Gleichtakt von Sprache und Schrift und die Darstellung mehrerer Laute durch ein Zeichen erleichtern das.
Bei den anderen Lautbildschrift-Arten ist eine Visualisierung natürlich auch möglich, aber das erzielbare Tempo geringer. Das weiß ich aus Erfahrung, es läßt sich aber auch durch ein Gesetz der experimentellen Psychologie plausibel machen. Das Gesetz von Merkel (1885) besagt:

Die Reaktionszeit T einer Versuchsperson bei der Aufgabe, aus n Gegenständen einen bestimmten auszuwählen, wächst logarithmisch mit n. Messungen ergeben in etwa   T = 200 + 180 * log n [msec]


Beispiel: Bei einer Silbenschrift mit 8 Konsonanten und 4 Vokalen, was 32 Silben der Struktur "Konsonant + Vokal" ergibt, wäre die Reaktionszeit pro Silbe = 200 + 180 * 5 = 1100 msec   (weil Logarithmus dualis von 32 = 5 bzw. umgekehrt 2 5 = 32 )

Bei einer Buchstabenschrift ( 12 Buchstaben ) ist die entsprechende Reaktionszeit für 2 Buchstaben = 2 * (200 + 180 * 3,6) = 1698 msec, also gut 50 % höher.

Man könnte sagen, das Lesen einer Silbenschrift ist deshalb schneller, weil dabei eine Art Parallelverarbeitung stattfindet (mindestens 2 Laute werden gleichzeitig gelesen). Das Lesen einer Buchstabenschrift erfolgt dagegen rein seriell.

(Beim Lesen von Wörtern oder ganzen Texten ist die Reaktionszeit pro Zeichen geringer, weil Wörter auch an ihrer Gesamt-Silhouette erkannt werden. Außerdem entfällt natürlich beim Lesen die Zeit für die mechanische Reaktion auf ein Zeichen - Drücken eines Knopfes o.Ä.)




Silbenzeichen als Wörter

Bei einer Silbenschrift können einige oder alle Silbenzeichen Wörter sein. Beispiel:





Dieses Ideogramm bedeutet "eilender Mensch". Es setzt sich aus 3 Silbenzeichen zusammen, die als einzelne Wörter "Winkel", "Welle" und "Punkt" bedeuten.
Diese Tatsache, daß einzelne Silbenzeichen bereits Wörter sind, hat viele Vorteile: Es erleichtert das Lernen der Zeichen (besonders wenn jemand diese künstliche Sprache als Muttersprache hätte), das Lesen und besonders das Visualisieren: Obiges Ideogramm ist tatsächlich eine Folge der Formen "Winkel", "Welle", "Punkt"




Optische Qualität und Wortlänge

Silbenschriften haben sogar bei einem extrem einfachen Lautsystem mehr Zeichen als die anderen Schriftarten. Prinzipiell ermöglichen sie damit ausdrucksstärkere, elegantere, kompaktere, schneller schreibbare Bildsymbole. Aber ein Bildwort darf akustisch nicht zu lang werden und darum nur aus weniger (z.B. halb so vielen) Zeichen bestehen als bei einer Buchstabenschrift.

Aber viele Begriffe scheinen sich mit einem einfachem Zeichensatz, aber mehr Zeichen pro Ideogramm besser darstellen zu lassen - dann wäre eine Buchstabenschrift zweckmäßiger.

Am flexibelsten ist die Darstellung durch eine Stabschrift, wegen der (außer in der Einfachversion) unbegrenzten Ideogrammgröße und der Bildzusammensetzung aus kleinen Teilen (was den Ideogrammen eine eigene Schönheit verleiht).

Das Ganze hängt auch vom Wortschatz ab (für Pflanzen ist eine vermutlich eine andere Lautbildschrift optimal als für Physik) und der speziellen Schrift.

Die optische Leistungsfähigkeit einer Lautbildschrift kann man nur bewerten, wenn man eine Anzahl Wörter und Sätze kennt. Nicht solche, die speziell für diese Schrift ausgesucht wurden, sondern einen Grundwortschatz von z.B. 350 Wörtern, der gleichmäßig alle Themenbereiche streift.

Die durchschnittliche akustische Wortlänge ist bei Stabschrift deutlich länger als bei den anderen Schriftarten.




Phonetik

Bei allen Arten von (gut entworfenen) Lautbildsprachen ergeben sich wohlklingende, phonetisch klare Wörter. Bei Silbenschriften läßt sich der Silbenaufbau exakt steuern: z.B. nur Silben der Struktur "Konsonant + Vokal" ( phonetisch sehr klar, aber vielleicht zu eintönig), oder auch Silben der Struktur "Konsonant + Diphtong" (z.B. mei, mai, moi).

Wichtig ist auch eine klare akustische Trennung der Wörter im Satz. Die übliche Wortpause (Absatz zwischen zwei Wörtern) und der Akzent immer am Wortanfang (oder immer am Wortende) reichen bei flüssigem Sprechen vielleicht nicht aus, zu entscheiden, ob z.B. "ti ta ki" oder "ti taki" oder "tita ki" oder "titaki" gesprochen wurde.
Man kann (nicht geschriebene) Partikel (Grammatikwörter) verwenden, die Wort-, Spalten- und Satzgrenzen anzeigen. Hier ist eine Silbenschrift, bei der jede Silbe und damit jedes Wort mit Konsonant beginnt und mit Vokal endet, phonetisch besonders günstig: Man kann als Partikel vor Wörtern einzelne Vokale, z.B. o, a, e verwenden, nach denen ein mit Konsonant beginnendes Wort gut sprechbar ist. Der Satz "o tita a ki" z.B. ist gut sprechbar und vom kundigen Hörer leicht und eindeutig in Wörter zerlegbar.

Und auch vom Computer: Denn die Zerlegung eines solchen Satzes in Wörter ist rein formal und systematisch durchführbar - wegen der klaren Phonetik. In den meisten 'natürlichen' Sprachen dagegen sind Wortgrenzen im Satz nicht rein akustisch erkennbar - der Hörer versucht unbewußt auch, den Satz nach dem erfaßten Sinn zu rekonstruieren. Deshalb ist bei einer schlechten Telefonleitung mit einer Silbenverständlichkeit von nur 10 % noch eine Satzverständlichkeit von 42 % möglich - nur für Menschen, nicht für Computer.

Details zu diesen Fragen im Artikel über Lautsysteme für künstliche Sprachen und den Entwürfen der einzelnen Silben-, Buchstaben- und Positionsschriften.




Schönheit, Psyche

Optische und akustische Schönheit einer Lautbildschrift / Sprache sind ein wichtiger Gesichtspunkt, aber auch geschmacksabhängig: Sind sehr einfache, klare Bildworte, wie sie eine Silbenschrift ermöglicht, schöner als die meist etwas aufwendigeren Worte einer Buchstabenschrift? Praktischer sind kurze prägnante Bildworte auf jeden Fall.
Man muß auf jeden Fall die geistig-seelische Bedeutung von Sprachlauten, Schriften und Schreibverfahren in Betracht ziehen - es gibt genausowenig eine wertneutrale Sprache oder Schrift, wie es keine wertneutrale Musik oder Bilder gibt.





Technischer Aufwand

Eine Silbenschrift ermöglicht kompaktere Bildworte. Sie ist deshalb schneller zu lesen und zu schreiben (wichtig bei Mitschriften) und erfordert etwas weniger Platz bzw. Schreibmaterial ( Mittelalter: teures Papier gespart; Computerzeitalter: mehr Text auf Bildschirm ).

Beim Druck mit Lettern benötigt man bei einer Silbenschrift viele Arten von Lettern. (Die meisten Silbenzeichen ergeben aber umgedreht ein anderes Silbenzeichen, genauso die meisten Buchstaben: die Zahl verschiedener Lettern verringert sich also). Die Anzahl der insgesamt benötigten Lettern ist aber bei einem Text in Silbenschrift weitaus am geringsten (weil er aus weniger Zeichen zusammengesetzt ist).

Eine Silben-Tastatur verdoppelt etwa die Tippgeschwindigkeit, erscheint aber nur bei geringer Silbenzahl sinnvoll. Doch auch Silben lassen sich als Einzellaute eintippen - dann ist die Tastatur minimal, aber dann erscheint leider nicht jedes Zeichen auf einer Taste.




Computer-Eignung

Alle Arten von Lautbildschriften lassen sich problemlos auf einem Computer-Bildschirm darstellen. Sind die Zeichen einmal in einem Computer- Zeichensatz enthalten, so können Lautbild-Ideogramme auch in anderssprachigen Texten zur Illustration verwendet werden. Sie sind leichter zu erstellen (einfach eintippen) und benötigen weit weniger Speicherplatz als normale Grafiken.

Der Speicherungsaufwand in Bit ist bei silbenweiser Speicherung am geringsten. Diese Art der Speicherung ist bei allen Typen von Lautbildschriften machbar, aber nur bei einer Silbenschrift ist sie völlig im Gleichtakt mit der Schrift (1 gesprochen Silbe = 1 Silbenzeichen = 1 Zeichen im Speicher).

Für automatische Spracherkennung, die immer wichtiger wird, ist die phonetische Klarheit entscheidend. Alle Arten von Lautbildschriften können auf einem sehr klaren phonetischen System aufgebaut werden, mit einer begrenzten Zahl klarer Silben, und phonetisch klaren Worten. Dann kann bei allen Schriftarten die meiner Ansicht nach einfachere, zuverlässigere silbenweise Spracherkennung durchgeführt werden. (Bei den meisten natürlichen Sprachen, außer z.B. Japanisch, ist das wegen der großen Silbenzahl und Silbenverschleifung wie in "kann-nicht" nicht möglich)

Auch für die logische Textverarbeitung per EDV sind allgemein künstliche Sprachen ohne Wortveränderung vorteilhaft, weil dann bei der Suche nach einem Begriff, z.B. "Haus", nicht auch nach den anderen Wortformen, z.B. "Häuser" gesucht werden muß.





Andere Einteilung: nach Schriftelementen

Wir haben Lautbildschriften bisher nach dem Zahlenverhältnis Zeichen : Laute klassifiziert.
Stattdessen kann man sie auch nach den optischen Elementen der Schrift klassifizieren:


            - Schrift scheinbar nur aus 1 Element bestehend:
                - Schrift nur aus Punkten
                - Schrift nur aus gleichgroßen Strichen (ggf. verdreht)
            - Schrift aus verschiedenen Elementen bestehend


Es ergeben sich also die 3 Haupttypen Punkteschriften (als Silben-, Buchstaben- oder Positionsschrift realisierbar), Stabschriften (realisierbar als Positionsschrift oder Silbenschrift, deren Zeichen aus 1 oder mehreren gleichgroßen Strichen bestehen) und Schriften mit verschiedenen Elementen (z.B. Punkt, gerade und gebogene Striche), die man noch weiter unterteilen könnte (mit / ohne Punkt(e), nur gerade Striche und Winkel, nur gebogene Striche)

Letzte Änderung 12.7.2006